Das Weltknäuel Mensch


Über den Zusammenhang von Mensch und Natur

Asaf, der Förster

Asaf könnte man als den ersten Förster bezeichnen. Luther nannte ihn einen Holzfürsten, eine übertriebene Bezeichnung für einen bloßen Aufseher über die königlichen Wälder. Nichtsdestotrotz ist er ein hoher Beamter, der einen sehr angesehenen Posten bekleidet. So angesehen, dass sein Name Eingang in die Bibel fand (Neh 2,8). Er hat mit etwas äußerst Wertvollem zu tun. Er ist für die heiligen Zedern zuständig, das edle Holz, das in einem Atemzug mit Gold genannt wird und für den Bau von Palästen und Tempeln bestimmt ist.

Wären die Zedern ein Rohstoff wie Gold, dann würde der Auftrag Asafs lauten, diesen Stoff so schnell wie möglich von den Hängen der Berge zu klauben und ihn an den Hof des Königs zu schaffen. Die Goldhülle der Berge wandert ein für alle Mal in die Schatzkammern des Palastes. Der Maßstab für Asafs Leistung wäre die Geschwindigkeit, mit der er seinen Auftrag erfüllt. Und sind die Hänge einmal entblößt, ist das Ziel endgültig erreicht.

Die Zedern sind aber kein totes Metall. Es sind Organismen, die wachsen und die Nachkommen produzieren. Die Zedern sind Maschinenbauer, Maschinen und Produkt in einem. Die Bäume produzieren das Holz, das sie selber sind und sie produzieren die Sämlinge, die neuen Holzproduktionsmaschinen. Asaf darf also unter keinen Umständen zu schnell werden. Er darf den Zeitraum nicht ungebührlich verkürzen. Er muss das rechte Zeitmaß finden. Die Zedern wandern von den Hängen der Berge in die Taschen des Königs, doch langsam genug, dass nachwächst, was geerntet wurde. Asaf sagt ein Stück weit Nein zum König und Ja zum Wald. Dieses Nein ist aber im Interesse des Königs, denn auf lange Sicht macht ihn das reicher. Asaf hält zurück. Er wehrt ab. Er symbolisiert die Vernunft im Dienste der Gier. Um zu verhindern, dass der Stoff, der von den Hängen fließt, sich verknappt, reduziert er diesen Fluss. Diese Zurückhaltung in der Ausbeutung, die die Ausbeutung optimiert, nennen die Forstleute Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit ist die Verknappung vor der Verknappung. Noch bevor der Wald zur Neige geht, wird die Neige simuliert. Wäre die Simulation der Armut das einzige Prinzip der Nachhaltigkeit, so wäre sie nichts anderes als Rationierung: Möglichst lange, mehr schlecht als recht, einen Nutzen ziehen. Eine lang gezogene Armut, anstelle eines kurz währenden Schwelgens in Reichtum. Glücklicherweise wird das Prinzip gestützt von einer sprudelnden Quelle, einem fortwährenden Erneuern, Verjüngen, Nachwachsen, Gesunden. Es geht darum, dem Schenkenden nicht die Hände abzuhacken, damit er auch weiter seine Geschenke bringt.

Wir wissen nicht, ob Asaf wirklich schon die Optimierung durch Verlangsamung anstrebte. Der schnelle Reichtum ist eine große Verlockung und die kurze Lebensspanne der Menschen verführt zum schnellen Konsumieren. Zum Großteil verschwanden die Zedernwälder. Die Vernunft ist also an der Gier gescheitert. Vielleicht war Asaf keine bemerkenswerte Figur, sondern vielmehr ein Schwächling, Dieb oder Trottel.

…[gekürzt]…

Ich weiß nicht, ob Asaf als Figur für die weiteren Ausführungen trägt. Er ist mit Wäldern verbunden, die größtenteils verschwunden sind. Er ist gescheitert und im Grunde Exempel eines misslungenen Unterfangens, also ein schlechtes Beispiel. Im Mittelmeerraum ging man in der Antike und danach schonungslos mit den Wäldern um. Laut Vico führt der Weg der Kultur, die Ordnung der menschlichen Dinge, von den Wäldern über Hütten, Dörfer und Städte zu den Akademien. Eine weitausladende Bewegung, die Wälder auf großer Fläche wegwischt. Denn die Flächen werden nicht nur von den Gebäuden verbraucht, der weitaus größere Teil dient der Produktion von Nahrungsmitteln für deren Bewohner. Felder und Viehweiden sind Schritte auf dem Weg zur Akademie. Der Bauer bereitet den Boden für eine Menschendichte, die nötig ist, um aus ihrer Mitte Akademien entstehen lassen zu können.

Eine Akademie, eine Universität, verschlingt daher Tausende von Quadratkilometern. Der Energieaufwand, der Stoffverbrauch, für die instituierte Intellektualität ist immens. Der Mensch entreißt dem Wald den Raum, den er für seine Manifestation braucht. Er braucht Platz zum Wohnen und Platz zum Denken. Er schafft sich eine Heimstatt, eine adäquatere Welt. Eine Welt, die ihm entspricht, die ihm ständig zuspricht und ins Ohr flüstert, wer er ist, damit er sich erinnert. Eine Welt, die geeignet ist, das zu stützen, was ihn ausmacht. Die Kultur ist Feind der Natur und das Verhältnis zwischen beiden das des Entreißens, der Eroberung, der Unterjochung, Verdrängung, Auslöschung. Ein unerbittlicher Gegensatz und Streit, der nur endet, wenn einer den Ring endgültig verlassen hat. Das Ergebnis sind verkarstete Regionen, verwüstete Schlachtfelder, die wir vielleicht sogar idyllisch finden, mit mediterranem Flair, weil wir sie heute nicht anders kennen. Im heißen Klima des Mittelmeerraums hätten die Menschen viel mehr Grund ihre Wälder zu lieben, als Refugium vor der Sonnenglut, Garant für einen kontinuierlicheren Wasserfluss. Trotzdem wurden dort die Wälder als erstes geopfert. Man zog die Grausamkeit der Lichtung dem kühlen Waldkleid vor. Sah man nur den Wert der Schiffe, der Häuser, der Wagen, der Ställe, der Vorratsschuppen, nicht aber den der Quelle dieses Materials? Das Wort Material, Materie, das mater beinhaltet, Mutter, madera, das Holz. Die Vorsokratiker suchten einen Urstoff und dachten an Luft, Feuer, Wasser – dachte niemand an Holz?

…[gekürzt]…

Das Erstaunliche war, dass eines Tages aus der überdimensionierten Lichtung heraus die Wälder zurückgerufen wurden. Mag sein, dass die Gefühle für den Wald den Verstand überlisteten, wahrscheinlich ist das nicht. Eher noch ist es der Verstand selbst, der seine Rolle neu bedenkt und nach dem gewonnenen Krieg die Kolonien optimieren möchte. Es wurde nur ein kleines Stück weitergedacht: Die Produktion beginnt nicht beim Balken und beim Brett, sondern sie beginnt beim Baum und im Wald. Nun ist die Zeit wirklich reif für Asaf und er kann wieder eingesetzt werden, um die Wälder zu verwalten. Es musste nur der Blick umgewendet werden. Nicht in Richtung der Sonne und des Himmels muss man sich orientieren, sondern in Richtung der Wurzel. Asaf hat den Auftrag, die Wurzel zu behüten.

Artemis flüstert ihm ins Ohr und er nickt. Man hat ihn auf einen Knoten gesetzt. Er sitzt auf einem Verteiler oder Zusammenfluss, er sitzt auf einem Knoten aus Schicksalsfäden. Er nimmt ein Stück weit die Rolle der Nornen ein. Er hat zu tun mit dem Gewordenen, dem Werdenden und dem Werdensollenden. Er hält die Schere in der Hand und bestimmt mit ihr über die Bäume und gestaltet so den Wald. Er sitzt auf einem Knoten aus Natur und Kultur oder vielmehr muss er solche Knoten knüpfen. Seine Aufgabe ist, das rechte Geflecht herzustellen, das beste Tuch aus diesen Fäden zu weben.
Asaf scheiterte in den Zedernwäldern des Libanon, doch er erfüllt seine Aufgabe erfolgreich in den Wäldern der Barbaren.

…[gekürzt]…

Asaf hat die Lichtung verlassen, um den Wald wieder zu betreten. Doch er hat die Sonne in den Augen. Er gliedert sich nicht ein, sondern gliedert den Wald. Sein Blick ist ein analytischer, so wurde er geschult. Er kommt als Herr der Bäume daher, doch er ist auch ein Knecht der Menschen. Er dient dem König, dem Waldbesitzer, er dient dem ökonomischen Prinzip. Er wurde auf der Lichtung geschult, in der Akademie, und auf diese Weise ausgerichtet. Sein Herz wurde an den rechten Fleck gesetzt, den Fleck, den man auf der Lichtung als den rechten ansah. Nun geht er mit einer bestimmten Konstellation aus geformten Sinnen und einem bestimmten Programm im Gehirn in den Wald zurück und sieht in ihm, was man von der Lichtung aus dort im Wald auszumachen glaubte. Der Wald ist jedoch dunkler, als man von der Lichtung aus meinen könnte. Die Stämme der Bäume bieten einen Halt, mit dem man von der Ferne aus, aus der Lichtung heraus nicht gerechnet hatte.

Bestimmte Fasern Asafs geraten in Schwingung. Vielleicht regt sich ein altes Erbe, eine alte Sehnsucht neu. Im Kampf um die Ausrichtung kann einiges passieren. Asaf möchte den Wald steuern, doch der Wald hat eine eigene Dynamik. Die Dunkelheit, der Duft des Humus und des Harzes, die hölzernen Säulen, sie fordern von Asaf etwas ein. Der Wald will Asaf steuern.

Er fordert eine bestimmte Einstellung und Ausrichtung Asafs, ein spezielles Verstehen. Es ist nicht sicher, ob er sich dem auf immer widersetzen kann.
Pfadfinder, domestizierte Wilde, Halbindianer… – die Fremden, die sich selbst Zivilisierte nennen, nutzen sie, um sich im Wald zurechtzufinden. Um mit der Wildheit umgehen zu können, muss man das Halbwilde bemühen. Man braucht einen Phasenübergang, ein Dazwischen. Etwas, das an beiden Bereichen teilhat. Der Bastard, der Hybride, ist der Schlüssel. Natürlich könnte man auch Feuer legen, alles planieren, mit Asphalt zudecken, doch das ist nicht zivilisiert genug, ist barbarisch. Das ist kein kluger Umgang. Man tötet nicht das Huhn, das goldene Eier legt. Klüger ist, es zu verstehen. Ihm zu geben, was es braucht. Die Umstände so zu gestalten, dass dessen Produktivität ein Maximum erreicht. Dazu braucht man jemanden, der das Huhn versteht. Der weiß, dass man Getreidekörner braucht, um Gold zu produzieren. Das führt uns zurück zum Wald und seinem hölzernen Gold.

Asaf, immer wieder davon bedroht, seinen klaren Blick zu verlieren und im Humus und Harz zu baden, optimiert den Austausch von Organismen gegen Geld. Er wird zum Joker, versucht die Rolle des Jokers zu füllen. Zwei Bereiche, zwei Universen müssen aneinandergekoppelt werden. Die ephemere und geistgleiche Ebene der Geldwerte und die solide Materialität der Organismen sollen in Wechselwirkung treten. Ein altes Problem, an dem bereits Descartes scheiterte. Ein Problem, zu dessen Lösung die Occasionalisten Gott bemühen mussten und ihn zum unendlich fleißigen Knecht seiner gespaltenen Schöpfung machten. Ein notwendig zu denkendes Zwischenstück, ohne das es keine Verbindung gibt, das aber im Grund undenkbar ist: Gott eben. Asaf verbindet die Universen, verknotet sie. Ohne ihn hat der Wald nichts mit dem Geld zu tun und umgekehrt das Geld nichts mit dem Wald. In Asaf finden die Inkommensurabilitäten zueinander. Er ist der Austauscher, der ganz selbstverständlich eigentlich Unmögliches leistet.

Doch zwei Universen sind nicht genug. Der Wald soll vielen Ansprüchen genügen. Er soll schön sein, ästhetisch. Soll erholsam sein, den Wasserfluss regulieren, die Luft reinigen, den Lärm abhalten. Er soll reich an Arten sein, Oase auch für die letzten Flüchtlinge. Er soll die Mythen weiternähren, dunkel sein und dennoch freundlich, soll Tiere zum Jagen und Pilze zum Finden beherbergen. Er soll mit Fahrzeugen befahrbar sein und doch wie unberührte Natur erscheinen. Die Menschen hängen ihre Identität ein Stück weit an den Wald ihrer Heimat. Er soll ihre instabilen Seelen also eben dieses Stück weit stabilisieren. (Sei vorsichtig, wenn du deine Hand an meine Identität legst!) Wenn Asaf seine Hand ins Spiel bringt, stört er zig Universen gleichzeitig. Eine einfache Vernunft ist nicht genug, es braucht Vielvernunft.

Er soll die Natur mit den vielen Augen der Kultur und den vielen Augen der Natur gleichzeitig sehen. Jede Rechnung versagt vor dieser Aufgabe, auch wenn es solche Rechnungen gibt. Ohne Verlust trägst du keinen Teil einer Rationalität in eine andere. Wenn du die Universen in eine Gleichung bringst, überführst du Vielfalt und Eigenart in Monotonie und Universalität. So wie du die Äste und Blätter vom Stamm abschlägst, die Stämme entrindest und in Bretter und Balken schneidest, weil nur die sich ins Haus fügen, so entkleidest du die Quantität jeglicher Qualität, weil nur die Quantität in die Rechnung passt. In der Akademie mag man meinen, es würde gelingen. In den Büchern finden sich Lettern und Zahlen und die lassen sich widerstandslos kombinieren. Asaf hat die Akademie längst verlassen und kann nicht widersprechen. Und würde er zurückkehren, um vom Wald zu erzählen, nach Humus und Harz duftend, ich weiß nicht, wie er sich verständlich machen könnte. Unter der sengenden Sonne auf der Lichtung verkrustet das Harz schnell, verliert seinen unverwechselbaren Geruch und der Humus vertrocknet in Windeseile zum losen Staub, der von den Hosen fällt.

Asaf ist ein schlechter Joker oder ein schlechter Zuhörer für die Nachrichten der Joker und ein Gott ist er auch nicht. Ihm fehlt der Überblick. Vieles sieht er nicht und das ist sein Glück. Nur so bleibt er handlungsfähig und verrennt sich nicht in Überlegungen, die kein Ende finden können. Und er hat Helfer. Die Welt ist auf seiner Seite. Die Organismen arbeiten ihm zu. Das Huhn findet selbst sein Korn und legt sein goldenes Ei ohne Anweisung. Die Natur liebt die Produktion. Sie ist vernarrt in das Wachstum. Die Fehler, die er begeht, wächst sie gnädig wieder aus. Mit seiner Axt bringt er den Wald aus seinem Gleichgewicht, das dieser aber ohne Schwierigkeiten selbstständig wiederfindet. Manchmal braucht er etwas länger, aber immer wieder verschließt er den Himmel mit seinen Nadeln und Blättern.

Asaf kann dem Wald nichts geben. Er schließt keines seiner Bedürfnisse, denn der Wald ist sich selbst genug und ohne Asaf am größten. Asaf kann ihn nur kleiner machen. Vom Selbstgenügsamen, Selbstständigen, Stabilen hin zum Abhängigen, Labilen führen. Erst der Bezug zum König gibt seiner Arbeit ihren Sinn und ihre Rechtfertigung. Er ist im Auftrag des Königs im Wald. Draußen müssen Tempel und Häuser gebaut werden, brauchen die Kamine des Palastes Feuerholz. Er gestaltet den Wald nach den Bedürfnissen des Königs und seinem Gefolge. Weil er aber Asaf ist, ein Halbwilder, ein vom Harz Berauschter, ist er immer bemüht um Kompromisse. Er versucht den Bogen nicht zu überspannen, den Wald nicht über seine äußerste Grenze zu schubsen, das Gleichgewicht nicht überzustrapazieren. Aber sprechen wir nicht von Liebe, wo keine ist. Wir dürfen sie vielleicht vermuten: Ich meine, Asaf ist meist, vielleicht auch nur manchmal, ein Liebender und diese Liebe macht ihn schließlich zum Knecht des Waldes bei aller Treue gegenüber dem König. Ich meine, auch wenn die Sonne
der Akademie hinter seiner Stirn brennt, lebt doch ebenso ein Stück Liebe in einem dunklen Winkel seines Herzens. Er mag rechnen so viel er will und die Sprache der Akademie rezitieren so oft er kann, das Rauschen der Blätter, zu dem er tanzt, stammt nicht nur von den Seiten der Bücher. Dem König mag er nur Zahlen vorlegen und am Hofe tadellose Umgangsformen zeigen, im Wald versteht er sich und die Welt besser. Er ist der Bote der Kultur, der sich nur zu gern an den Lagerfeuern der Natur wärmt.

Der kluge Umgang mit dem Wald? Wenn du willst, dass etwas, das sich selbst steuert, in eine bestimmte Richtung geht, dann bereite ihm den Weg. Wenn etwas keimt und sich von selbst Bahn bricht, dann bleibt nur, es mit Stumpf und Stiel auszureißen oder aber die Umstände, die sein Werden umspülen, in die Hand zu nehmen und diese, soweit es nötig ist, zu gestalten. Die Umstände sind es, die das Wachstum beeinflussen, es hemmen oder fördern. Je besser man das, was sich von selbst entwickelt, kennt, umso besser kann man die Umstände wählen und steuern, die es beeinflussen. Es gibt keine Steuerung dessen, das sich selbst steuert, das wäre ein Widerspruch. Es gibt aber Verständnis und die diesem Verständnis folgende Dosierung von Zustimmung und Ablehnung, Angebot und Verweigerung, Nahrung und Enthaltung. Das was sich aus sich selbst entwickelt, nimmt aus seiner Umgebung, was ihm passt, gedeiht am ihm Förderlichen und müht sich ab am ihm Hinderlichen. Bei allem Verständnis, wird es dennoch nie gänzlich durchschaut werden können. Es ist sich selbst ja im Werden unbekannt. Es kann Kraft am Hindernis gewinnen. Robust werden an der Verweigerung. Es kann schwächlich werden am Dünger und ohne Widerstandskraft an der erstbesten Krankheit scheitern. Dennoch hat man Erwartungen ihm gegenüber, ein gewisses Vertrauen. Vertrauen ist nötig bei allem, das man nicht ganz durchschaut, aber nicht links liegen lassen kann oder will. Das Vertrauen kann enttäuscht werden, dass ist sozusagen im Vertrauen enthalten. Gewissheit hat kein Vertrauen nötig. Das Vertrauen, dass etwas Wertvolles entsteht, ist aber die Grundlage und Voraussetzung des Engagements, das man in die Begleitung und Beeinflussung der Entwicklung legt. Ich weiß nicht, ob Liebe mit dem Vertrauen, das etwas Wertvolles entsteht, zusammenfällt. Es erscheint mir zu kalkulierend und damit dem Begriff der Liebe nicht angemessen. Vertrauen stellt aber einen ähnlichen Vorschuss, ein Geben, ohne dass man bereits etwas empfangen hätte, dar. Vertrauen ist ein positiver Umgang mit Unschärfe und Ungewissheit, ein negativer wäre Misstrauen, ein neutraler, aber lähmender, Gleichgültigkeit und Fatalismus. In einer Welt, die nie ganz durchschaubar sein wird, sind Vertrauen, Gleichgültigkeit und Misstrauen unsere Strategien. Wir mögen versuchen, alles Mögliche heranzuziehen, um unseren Umgang mit ihr auf möglichst solide Beine zu stellen, zum Beispiel durch Akkumulation von Reichtum oder Wissen, letztlich fallen wir dennoch immer wieder auf diese Haltungen zurück.

Die Umstände bekommt man nie gänzlich in die Hand. Sie bleiben immer ein Stück weit im Nebel der Unschärfe. Dank den Selbststeuerungskräften ist es aber auch nicht nötig, sie vollständig unter Kontrolle zu haben. Das entlastet. Überhaupt ist die Selbststeuerung der Organismen des Waldes, der Natur insgesamt, eine Entlastung. Wir befinden uns immer noch im Garten Eden. Der Tisch deckt sich von selbst. An den Bäumen wachsen die Früchte von ganz allein und die wenigsten davon sind verboten. Die Fehler, die wir begehen, wachsen sich wieder zu. Ein Korn, das wir aussäen, gewinnen wir mehr als zehnfach zurück. Wir sind in einer glücklichen Lage und wir steigern das Glück unserer Position, indem wir die, die uns beschenken, in ebensolche glücklichen Konstellationen heben. Asafs Auftrag ist es, glückliche Umstände zu schaffen: für die Bäume, die anderen Pflanzen, die Tiere, für den König und seine Vasallen. Es geht um die Vermehrung des Glückes aller. Zahlt jemand die Zeche?

Unser Werkzeug ist die Störung. Damit die Organismen für uns arbeiten, müssen wir sie aus dem Gleichgewicht bringen. Im Wald genügt der Lebenszusammenhang sich selbst. Da arbeitet noch niemand für uns. Wir müssen eine Abweichung schaffen, etwas entziehen, fällen, abhacken. Der Wald wird sich wieder schließen. Die Lücken werden wieder gefüllt. Wir haben ein Wollknäuel und wenn wir Fäden herausziehen, dann füllt sich das Knäuel mit neuen Fäden. Ein Krug voller Wein, ein Korb voller Fische, die sich von neuem füllen, so oft wir auch daraus unseren Hunger und Durst stillen. Das Perpetuum mobile ist eine physikalische Unmöglichkeit, aber eine biologische Realität. Der Wald nährt sich von physikalischen und chemischen Vorgängen, ist abhängig vom Zustrom, ist Teil des Abhangs, den wir Universum nennen. Aber im Schritt vom Wald zu uns, herrscht das Prinzip der Rekuperation, der Wiederherstellung.
Alles ist in Bewegung und strebsam. Jeder Organismus schlägt seinen Bogen vom Keimen und Wachsen zum Verfallen und Vergehen. Vielfach brechen die Bögen vorzeitig ab, werden kurz nach dem Keimen mitten im Wachsen abgeschnitten und einem anderen Bogen integriert. Es wird zertreten, gefressen, parasitiert, befallen, Bögen, die auf Halbbögen, Viertel- und Achtelbögen, Bogenansätzen aufruhen. Das Wollknäuel besteht aus lauter gebogenen Fäden. Wir sehen den Verlauf einzelner Fäden fast einen vollkommenen Bogen beschreiben, öfter sehen wir aber kürzere Stücke, verdeckt von anderen, die darüber liegen. Die Fäden verlaufen kreuz und quer. Die perfekte Gestalt ist ein Knäuel, keine glatte Kugel oder ein Kreis. Hätten die Griechen nur öfter die Städte verlassen, um in den Wald zu gehen, dann wäre ihnen das klar geworden.

Es entlastet, der Selbstheilung vertrauen zu können, sich nicht um die kleinsten Details scheren zu müssen. Wir müssen nur Fäden herausziehen und daraus unsere Kleidung stricken. Entlastung, dieses Gefühl, diese Erleichterung, spürt Asaf wenn er den Wald betritt. Er vertraut dem Wald und seinen Selbstheilungskräften. Im Vertrauen fügt er ihm Wunden zu. Damit er für ihn arbeitet, muss er ihn malträtieren. Asaf ist die Schleuse, die die Stoff- und Energieflüsse aus dem Wald herausleitet und in die Stadt transportiert, an den Hof des Königs. Er ist die Brücke, der Kanal, die Leitung, der Verteiler, der Umschlagsplatz. Er sieht und er handelt nach den Gesetzen mindestens zweier Welten. Er bringt die Anliegen der Stadt in den Wald und optimiert die Dienste des Waldes unter Beachtung der Gesetze des Waldes. Im Idealfall ist er eine elaborierte, raffinierte, vielleicht auch perfide Verfeinerung der Bacon‘schen Maxime, sich der Natur zu unterwerfen, damit man umso besser ihr Herr sein könne.

Asaf wandelt auf einem sehr schmalen Grat. Es ist immer gefährlich, der Diener zweier Herren zu sein. Es kann den Kopf kosten, dem König ein Nein entgegenzuhalten, auch wenn es dessen Reichtum vermehrt. Maßhalten kann mühsam sein. Das Knäuel zerfällt, wenn du es zu weit auseinanderziehst. Wenn du die Fäden ordnest, ihre Anzahl verminderst, um ihren Zusammenhang besser zu durchschauen, die Bäume in Reih und Glied pflanzt, die Anzahl der Arten reduzierst, kann es sein, dass dieses licht gewordene Gekräusel zerreißt. Immer kann etwas Unvorhergesehenes auftreten. Die Pläne scheitern nur allzu leicht. Die dünnen Netze vertragen keine schweren Schicksalsschläge. Aristoteles meinte, dass ein Sklave ein Freund sein könne. Zur Freundschaft gehören aber Freiheitsgrade. Der Sklave muss aus sich heraus handeln können, ein Leben führen, das ein gewisses Maß an Freiheit erreicht. Was kann man von jemandem erwarten, der an die Hauswand gekettet ist wie ein Hofhund? Dass er bellt, wenn ein Fremder sich nähert. Nicht aber, dass er die Kinder unterrichtet und einem selbst einen wertvollen Rat gibt.

Asaf geht in den Wald und versteht sich besser. Was kann man in den Wäldern lernen? – trotz aller Gefahren und aller Undurchschaubarkeit zu vertrauen. Eine Passung zu fühlen, obwohl man ohne sein Haus und die Stadt nicht mehr überleben könnte. Zu passen, obwohl der Mensch schon lange nicht mehr in die Natur passt. Ist Asaf ein Museumswärter? Er führt Schulklassen durch den Wald. Er zeigt die Bäume, Pflanzen und Tiere und wird dabei der Liebe in einem dunklen Winkel seines Herzens gewahr, obwohl das Licht der Akademie hinter seinen Augen glänzt und seine Worte allzu leicht akademisch werden. Die Kinder besuchen kurz eine alte Welt, die ohne Belang für die neue erscheint. Dabei sind sie selbst Keime, Organismen, die sich entwickeln, immer ein Stück weit unberechenbar, unbeherrschbar. Die Lehrer versuchen zu bestimmen, was sich selbst bestimmt – ein Widerspruch. Sie können nur ihr Verständnis optimieren und versuchen, die Umstände so zu gestalten, dass sie günstig ausfallen, günstig für die Kinder und auch für den sozialen Wald der Gesellschaft. Glückliche Umstände herbeiführen, mehr lässt sich nicht erreichen. Zahlt jemand die Zeche?

Damit die Kinder eines Tages Nutzen bringen, muss man sie stören. Man muss ihnen Freiheiten nehmen, ihnen etwas entziehen, das sie aus sich heraus nachschöpfen. Sie werden die Lücken schließen und ihre Produktion vermehrt den Reichtum des Königs. Sind die Menschen auch nichts anderes als ein Wald im Dienste der Stadt? Und wenn dem so wäre, wer ist der Asaf dieses Waldes? Sind all die Lehren vom Umgang mit dem Wald auch Lehren für den Umgang mit Menschen? Und was ist die Stadt, wenn die Menschen ihr Wald sind, den sie ausbeutet? Geht ein Riss durch die Menschen, der zwischen Wald und Stadt? Wenn dem so ist, dann steht Asaf inmitten des Risses. Er dient der Stadt im Menschen, der Kultur, und unterwirft die Natur im Menschen nach den Gesetzen der Natur. Im Idealfall ist er eine elaborierte, raffinierte, vielleicht auch perfide Verfeinerung des Umgangs mit sich selbst.

April 25th, 2010
Topic: Leseproben Tags:

≡ Leave a Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

* Copy this password:

* Type or paste password here: